Interview im Tagesanzeiger

Von Daria Lötscher

Interview im Tagesanzeiger

Heute im Tages-Anzeiger nachzulesen: Ein Interview mit Michael Lütscher (einem der Herausgeber) über das Essen gehn! Engadin. 

«Der Veloweg am Silsersee hat Hunger gemacht»

Der Zürcher Michael Lütscher hat einen Gastroführer über das Engadin verfasst. Wieso?

Mit Michael Lütscher sprach Lorenzo Petrò

Hat es den Gastroführer über das Engadin wirklich noch gebraucht?
«Essen gehn! Engadin» ist ja nicht nur ein Gastroführer, sondern auch ein praktisches Gutscheinbüchlein: Geht man damit mindestens zu zweit in eines der erwähnten Lokale, so ist der günstigste Hauptgang spendiert. Und ja, das Werk war dringend nötig. Das fand zumindest ein guter Freund aus England, der seit Jahren in St. Moritz in die Ferien geht und klagte, dass er immer in den gleichen zwei Restaurants esse. Er hat mich auf die Idee gebracht. Und seinetwegen ist es auch das erste Büchlein in der Reihe, das zweisprachig verfasst ist: auf Englisch und Deutsch.

Das heisst, Sie hatten nur halb so viel Platz für ihre Beschreibung. Wie bringt man seine Eindrücke pointiert in 750 Zeichen unter?
Man hat keinen Platz, um detailliert über das Essen zu schreiben. Was es braucht, ist eine Idee, im Idealfall eine kleine Geschichte. Weil es alles Restaurants sind, die ich selber empfehlen kann, war dieser Bezug relativ einfach gefunden.

Welches ist Ihr Lieblingstipp im Büchlein?
Das Padella in Samedan. Da wird saisonal mit Produkten aus dem Tal gekocht, es kommen Innereien auf den Tisch, und es wird etwas so Altmodisches zelebriert, wie das Flambieren am Tisch. Dazu gibt es tolle Weine. Am besten, man geht mit Freunden hin, damit man verschiedene Tropfen degustieren kann, die René Donatz empfiehlt.

Was haben Sie Neues entdeckt bei Ihren Recherchen zum Buch?
Meine liebste Neuentdeckung ist das Lagrev in Isola am Silsersee. Der 23-jährige Luca Giovanoli hat das Restaurant letztes Jahr von seiner Grossmutter übernommen. Auf den Tisch kommen Polenta mit Beilagen, geschmortes Gitzi, Tagliatelle mit Kastanienmehl. Wo gibt es das sonst im Engadin?

Sie sind begeisterter Grill-Blogger und Spezialist für die Geschichte des Wintersports. Ist auch etwas für Vegis und Velofahrer darunter?
Ich bezweifle, dass es im Engadin ein einziges vegetarisches Restaurant gibt. Aber alle im Buch vereinten bieten auch vegetarische Menüs an. Und sie haben nicht nur im Winter geöffnet. Ich habe meine Recherchen im Sommer mit dem Velo gemacht, das Tal ist ja nicht sonderlich steil. Nur dass der Veloweg den Silsersee entlang einen Abstecher hinauf auf eine Alp macht, brachte mich echt ins Schwitzen. Dafür hatte ich am Abend richtig Hunger.

Auf den Bildern dürfen sich die Pächter selbst inszenieren: Sie werfen Papierflieger von der Terrasse, räkeln sich in der Blumenwiese. Sind Sie zufrieden mit dem Resultat?
Ja. Dieses persönliche Element ist im Engadin-Buch vielleicht noch wichtiger, als in den «Essen gehn!»-Führern über Zürich oder Bern. Im Engadin sind die meisten Restaurants mit Arvenholz getäfelt. Schöne Ausnahmen sind das Castell in Zuoz mit seiner Stuckdecke oder die Enoteca des Kempinskis in St. Moritz. Aus Neugier besuchte ich vor Jahren dieses teils lieblos renovierte, riesige Haus und entdeckte darin diese ursprüngliche Ecke, einen Salon aus dem 19. Jahrhundert. Auch hier: schöner Stuck. Und dazu Salami und Rohschinken, die von der Decke baumeln.